Gewohnheiten aendern: Warum du weisst, was du tun solltest – und es trotzdem nicht tust
- vor 1 Tag
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Eine Stunde weg, der Tag noch nicht gestartet, die wichtige Aufgabe noch nicht angetastet – kommt dir das bekannt vor?
In Japan gibt es ein Konzept namens «Komorebi» – das Lichtspiel, das entsteht, wenn Sonnenstrahlen durch Blätter fallen. Letztes Jahr am Crestasee in Graubünden habe ich es selbst eingefangen – das Foto unten zeigt genau diesen Moment. Es hat einen Namen, weil man es kennt. Weil es immer wieder vorkommt. Weil es vertraut ist. Und trotzdem hält es einen inne, jedes Mal neu.
Gewohnheiten sind das Gegenteil davon. Sie fallen nicht auf. Sie laufen einfach. Du hast dir vorgenommen, heute früh aufzustehen, den Tag geordnet zu beginnen, die wichtige Aufgabe als erstes anzugehen.
Inhalt

Und dann liegt das Handy da. Oder das Bett ist noch warm. Oder du schaust kurz die Mails durch – «nur kurz» – und plötzlich ist eine Stunde weg.
Das ist kein Charakterproblem. Das ist Neurobiologie.
Dein Gehirn liebt den bekannten Pfad
Unser Gehirn verarbeitet täglich eine enorme Menge an Reizen, Entscheidungen und Impulsen. Um nicht in jedem Moment bewusst reagieren zu müssen, automatisiert es wiederkehrende Abläufe.
Diese Muster nennt man neuronale Gewohnheitsschleifen. Je öfter du einen Pfad gehst, desto tiefer gräbt er sich ein – und desto leichter und schneller läuft er ab, fast ohne dein Zutun.
Neurowissenschaftlich sind diese Schleifen in den Basalganglien verankert, einem Bereich tief im Gehirn, der für automatisiertes Verhalten zuständig ist. Sie laufen unterhalb deiner bewussten Wahrnehmung.
Deshalb hilft es wenig, dir schlicht «mehr Disziplin» zu befehlen. Willenskraft ist eine bewusste Ressource – und sie erschöpft sich. Der Autopilot läuft weiter, auch wenn du müde, gestresst oder abgelenkt bist.
Das ist keine Schwäche. Das ist Effizienz. Dein Gehirn schützt dich vor unnötigem Energieverbrauch. Das Problem entsteht erst dann, wenn alte, eingeschliffene Pfade dich davon abhalten, neue Wege zu gehen – Wege, die du bewusst einschlagen willst.
Der Impuls, der dich wegzieht
Stell dir ein kleines Monster vor, das sich meldet, sobald du von der vertrauten Strecke abweichen willst. Es sagt nichts Böses. Es flüstert nur: «Hier entlang. Kenne ich. Ist sicher.»
Dieses kleine Monster ist nicht dein Feind. Es ist der alte Trampelpfad, die alte Gewohnheit, die sich bewährt hat – zumindest damals, als du ihn angelegt hast.

Es tritt besonders stark auf in Momenten, in denen der äussere Druck nachlässt. Wenn du Zeit hättest. Wenn kein Meeting brennt. Wenn niemand zuschaut. Genau dann greift der Autopilot am zuverlässigsten, weil kein äusserer Reiz das bewusste System aktiviert.
Das Tückische: Je mehr Freiraum du hast, desto mehr Raum bekommt das kleine Monster. Nicht weil du fauler wirst. Sondern weil der neue Pfad noch nicht tief genug eingraviert ist, um automatisch abzulaufen.
Charles Duhigg, Autor von «The Power of Habit», beschreibt es so: «Du kannst eine Gewohnheit nie wirklich loswerden. Du kannst sie nur ersetzen.» Nicht bekämpfen. Ersetzen.
Gewohnheiten aendern: Wie neue Pfade entstehen
Gewohnheiten aendern gelingt durch drei Dinge: Wiederholung, Kontext und einen klaren Auslöser. Die Verhaltensforscherin Wendy Wood, die seit Jahrzehnten zu Gewohnheiten forscht, zeigt in ihren Studien, dass ein neues Verhalten erst nach mehrfacher, konsistenter Wiederholung im gleichen Kontext zur Automatik wird.
Nicht durch Motivation. Nicht durch Willen. Durch Kontext.
Das bedeutet: Du musst dich nicht täglich neu motivieren. Du musst einen verlässlichen Auslöser schaffen – einen Moment, an dem der neue Pfad beginnt.
Konkret: Nicht «Ich werde heute meine To-do-Liste anlegen», sondern «Wenn ich meinen Morgenkaffee hole, öffne ich danach als erstes mein Aufgabentool». Der bestehende Kontext – Kaffee holen – wird zur Brücke zum neuen Verhalten.
Forschende nennen das «Implementation Intentions»: Wenn X passiert, tue ich Y. Studien zeigen, dass diese einfache Wenn-dann-Verknüpfung die Wahrscheinlichkeit, ein Vorhaben umzusetzen, deutlich erhöht.
Im Führungsalltag: wenn Wissen nicht reicht
In meinen Begleitungen von Führungspersönlichkeiten erlebe ich das regelmässig. Jemand kennt das Konzept der strukturierten Wochenplanung seit Jahren. Die Vorlage liegt im System. Der Kalender hat sogar einen Block dafür reserviert.
Und trotzdem: Der Block rutscht, die Woche läuft ungeplant an, am Freitag gibt es das schale Gefühl, dass wieder etwas nicht gestimmt hat.
Das Problem liegt selten am Wissen. Es liegt am fehlenden Auslöser. Die Planung «sollte» irgendwann am Freitag passieren – aber wann genau? Was geht unmittelbar davor? Was macht den Übergang vom alten Muster zum neuen konkret?
Sobald dieser Moment definiert ist – zum Beispiel «nach dem ersten Kaffee, bevor ich die Mails öffne» – entsteht etwas, das das Gehirn versteht. Nicht ein Vorsatz. Eine Struktur.
Im privaten Alltag: die warme Bettdecke schlägt den Plan
Wer kennt das nicht: Abends fasst du den festen Entschluss, morgen früh eine halbe Stunde für dich zu haben – lesen, bewegen, draussen sein.
Der Wecker klingelt. Es ist dunkel. Die Decke liegt schwer und warm. Das bewusste System ist noch gar nicht richtig online. Und der alte Pfad – noch fünf Minuten, dann aufstehen – gewinnt wieder.
Hier hilft derselbe Mechanismus. Nicht mehr Willenskraft. Mehr Struktur. Laufschuhe am Vorabend neben das Bett stellen. Buch auf den Nachttisch legen. Die Kaffeemaschine so vorbereiten, dass sie schon läuft.
Kleine Vorbereitungen, die den neuen Pfad einfacher machen als den alten. Das Gehirn entscheidet nicht nach dem Besten – es entscheidet nach dem Leichtesten.
Mikro-Impuls: drei Sekunden, die den Unterschied machen
Du erkennst das alte Muster daran, dass du den Impuls spürst, bevor du ihm folgst. Diesen Moment zu dehnen – auch nur minimal – reicht, um das bewusste System zu aktivieren.
Probiere es konkret so: Wähle eine Gewohnheit, die du seit Längerem einführen willst. Sagen wir, du willst täglich mehr trinken – gerade jetzt im Sommer, wenn die Hitze Konzentration und Energie kostet.
Dein Auslöser: der Moment, in dem du dich morgens an den Schreibtisch setzt. Dein Wenn-dann-Satz lautet: «Wenn ich meinen Laptop aufklappe, stelle ich zuerst die Wasserflasche auf den Tisch.» Sichtbar, greifbar, da.
Und dann kommt der zweite Schritt: «Wenn ich ein Dokument öffne oder eine Aufgabe abschliesse, trinke ich einen Schluck.» Nicht einen halben Liter auf einmal. Einen Schluck. Immer wieder. Das Gehirn trinkt, was es sieht – und tut, wofür es einen Auslöser hat.
Schreib diese Sätze auf. Kleb sie dort hin, wo du sie siehst.
Und dann: Wenn das kleine Monster kommt – direkt die Mails öffnen, direkt loslegen, die Flasche bleibt in der Mappe, im Rucksack – atme einmal tief ein. Drei Sekunden. Wahrnehmen, was gerade passiert. Dann entscheiden. Nicht immer wird der neue Pfad gewinnen. Aber öfter, als du denkst. Und jedes Mal, wenn du ihn gehst, gräbt er sich ein kleines Stück tiefer ein.

Ein persönlicher Gedanke zum Schluss
Du weisst bereits sehr viel. Das Problem ist selten das Wissen. Es ist der Moment zwischen Wissen und Tun – und die Frage, wer dort das Steuer hat: der alte Pfad oder der neue. Du kannst diesen Moment gestalten. Nicht durch Kraft, sondern durch Klugheit.
Welcher Trampelpfad läuft bei dir gerade auf Autopilot – und welcher neue wartet schon lange darauf, dass du ihn gehst? Ich bin gespannt auf deine Antwort.
Herzliche Sommergrüsse
Jacqueline
Literaturhinweise
Charles Duhigg «The Power of Habit: Why We Do What We Do in Life and Business» Random House, New York, 2012
Wendy Wood «Good Habits, Bad Habits: The Science of Making Positive Changes That Stick» Farrar, Straus and Giroux, New York, 2019
ihre wissenschaftliche Arbeit: Wood, W., & Neal, D. T. (2007). «A new look at habits and the habit-goal interface.» Psychological Review, 114(4), 843–863.
Implementation Intentions Gollwitzer, P. M. (1999). «Implementation intentions: Strong effects of simple plans.» American Psychologist, 54(7), 493–503.
Basalganglien und Gewohnheitsschleifen Graybiel, A. M. (2008). «Habits, rituals, and the evaluative brain.» Annual Review of Neuroscience, 31, 359–387.
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