Komplimente wirken stärker, als wir annehmen – was die Forschung zeigt
Aktualisiert: 25. Sept.
Laura* tritt ein – und ich denke nur: Wow.
Ein eleganter monochromer Look in Dunkelblau. Ruhig. Stimmig. Wunderschön.
Ich lächle und sage spontan:

Das Wichtigste in Kürze
Wir unterschätzen systematisch, wie gut sich Komplimente für andere anfühlen – und überschätzen, wie unangenehm sie wirken könnten (Zhao & Epley, 2021). Diese "Fehlkalibrierung" hält uns davon ab, sie überhaupt auszusprechen.
Komplimente lösen positive Emotionen aus und erweitern nachweislich unsere Denk- und Handlungsspielräume.
Der Effekt wirkt in beide Richtungen: Wer anderen kleine Freundlichkeiten schenkt, verbessert über Wochen hinweg auch das eigene psychische Wohlbefinden (Nelson et al., 2016).
Konkret, ehrlich und spezifisch formuliert wirken Komplimente am stärksten – und halten länger an, als man meint.
Die Inhalte dieses Blogartikels
„Du siehst grossartig aus.“
Ihr Gesicht beginnt zu leuchten.
„Ich liebe diese Farbe“, sagt sie.
Sie strahlt. Und innerlich ist bereits etwas Entscheidendes passiert: Das Kompliment löst positive Emotionen aus.
Positive Emotionen erweitern unsere Denk- und Handlungsspielräume.
Dieser Effekt spielte Laura* im Coaching-Gespräch in die Karten. Sie fand erstaunlich schnell Zugang zu ihren Ressourcen – und entwickelte mit Klarheit einen guten Umgang mit einer schwierigen Führungssituation und einem bevorstehenden Meeting mit der Geschäftsleitung, das sie seit Tagen stark beschäftigte.
Warum wir viel zu selten Komplimente machen, darum geht es in diesem Artikel.
Perspektivenwechsel: Was stärkt eigentlich andere?
Wie sich zeigt, gibt es dazu sogar Forschung.
In den meisten meiner Blogartikel ging es bisher um Self-Leadership und Positive Leadership: um wirksames, gesundes und wertschätzendes Handeln, um Umgang mit Druck, erfülltes Leben, mehr Einfluss weniger Stress, die Superkraft der Empathie, die Kunst des Geniessens, Wohlbefinden, Innehalten statt weiterrennen - Waldbaden und Burnout-Prävention.
Sie alle drehen sich um die handelnde Person.
Heute möchte ich die Perspektive wechseln.
Was stärkt eigentlich die Menschen um dich herum?
Komplimente sind dafür ein perfektes Beispiel. Sie sind kostenlos, schnell gemacht – und erstaunlich wirksam.
Warum geben wir sie dann so selten?
Die Fehlkalibrierung
Xuan Zhao und Nicholas Epley haben herausgefunden, dass wir systematisch unterschätzen, wie gut sich Komplimente für andere anfühlen.
Gleichzeitig überschätzen wir, wie unangenehm oder peinlich sie wirken könnten.
Dieses Phänomen nennt sich „Fehlkalibrierung“.
Es hält uns davon ab, etwas Nettes zu sagen, weil wir uns vorstellen, unsere Worte kämen unaufrichtig oder seltsam an.
Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.
Komplimente geben Menschen das Gefühl, gesehen und wertgeschätzt zu werden.
Ein paar Worte, die für uns klein wirken, können für andere eine überproportional grosse Wirkung haben.
Komplimente wirken auch auf die Gebenden
In einem randomisiert-kontrollierten Experiment forderten Sonja Lyubomirsky, Professorin für Psychologie und Autorin des grossartigen Buches „Glücklich sein – Warum Sie es in der Hand haben, zufrieden zu leben“, sowie ihre Forscherkolleg*innen Menschen dazu auf, kleine freundliche Handlungen für andere zu tun – kleine Gefälligkeiten, Gesten oder Komplimente.
Über sechs Wochen hinweg zeigten diejenigen, die so handelten, deutlich stärkere Verbesserungen ihres psychischen Wohlbefindens als jene, die etwas Gutes nur für sich selbst taten.
Wenn du ein Kompliment machst, verschönerst du also nicht nur den Tag eines anderen. Oft fühlt sich auch deine eigene Stimmung gleich ein wenig leichter an.
Dir gefällt, was du liest?
Mein Tipp - Das Komplimente-Experiment
Mach diese Woche und darüber hinaus ein kleines Experiment daraus:
Nimm dir vor, jeden Tag ein oder zwei ehrliche Komplimente zu machen.
Sei konkret:
„Ich fand deine Idee grossartig, nach dem Essen einen Verdauungsspaziergang zu machen.“
„Diese Farbe steht dir richtig gut.“ "Wie gelassen du bei diesem ungeduldigen Kunden geblieben bist, hat mich
beeindruckt.“
Beobachte danach sowohl die Reaktion deines Gegenübers als auch deine eigene Stimmung.
Die Forschung zeigt: Die Wirkung hält länger an, als du vielleicht erwartest – für euch beide.
Schlussgedanke
Denk an das schönste Kompliment, dass du je bekommen hast. Vielleicht liegt es Jahre zurück – und trotzdem erinnerst du dich noch an die Worte.
Stell dir nun vor, du würdest diese Art von Geschenk diese Woche jemand anderem machen.
Und denk daran: Wir unterschätzen, wie gut sich Komplimente für andere anfühlen – und überschätzen, wie unangenehm sie wirken.
Also halte dich nicht zurück.

Die 3 häufigsten Stolpersteine in der Selbstführung
Mit 5-Minuten Selbstcheck und konkreten Sofortmassnahmen

Über die Autorin | Jacqueline Scherrer
Schön, dass du da bist. Ich begleite Unternehmer:innen und Führungskräfte auf dem Weg zu innerer Exzellenz und einer Führung, die Menschen aufblühen lässt. Im Zentrum meiner Arbeit steht die Positive Psychologie: die Wissenschaft, die erforscht, was ein gelingendes Leben und Arbeiten fördert. Was ich hier schreibe, verbindet Forschung mit zwanzig Jahren Praxis und über tausend begleiteten Menschen.
Elf Jahre UBS, zuletzt im Private Banking. Seit 2006 selbstständig, zuerst als Coach bso, dann als Organisationsberaterin mit eidg. Diplom und Beraterin der Positiven Psychologie. Parallel 20 Jahre als Ausbilderin in Persönlichkeitsentwicklungsthemen und in der Ausbildung angehender Coaches und Supervisoren. Der rote Faden: Wirtschaft und Weiterentwicklung verbinden – für Menschen, die wachsen und aufblühen wollen.
Ich lebe und arbeite in Wilen bei Wil in der Ostschweiz. Meine besten Gedanken kommen mir auf meiner täglichen Waldrunde, wo ich auch Energie tanke.
Wenn dich ein Gedanke aus diesem Beitrag nicht loslässt: → Klarheitsgespräch · Mehr über mich · LinkedIn
Laura* ist ein fiktiver Name. Auch Details der Situation wurden zum Schutz der Privatsphäre verändert.
Literaturhinweise
Boothby, E. J., & Bohns, V. K. (2021). Why a simple act of kindness is not as simple as it seems: Underestimating the positive impact of our compliments on others. Personality and Social Psychology Bulletin, 47(5), 826–840.
Nelson, S. K., Layous, K., Cole, S., & Lyubomirsky, S. (2016). Do unto others or treat yourself?: The effects of prosocial and self-focused behavior on psychological flourishing. Emotion, 16(6), 850–861.
Zhao, X., & Epley, N. (2021). Insufficiently complimentary? Underestimating the positive impact of compliments creates a barrier to expressing them. Journal of Personality and Social Psychology, 121(2), 239–256.
F & Q-Box
Warum machen wir so selten Komplimente, obwohl sie so wirksam sind?Weil wir einer sogenannten "Fehlkalibrierung" unterliegen: Wir unterschätzen systematisch, wie gut sich ein Kompliment für die andere Person anfühlt, und überschätzen gleichzeitig, wie unangenehm oder seltsam es ankommen könnte (Zhao & Epley, 2021). Diese falsche Einschätzung hält uns zurück – obwohl das Gegenteil der Fall ist.
Was macht ein Kompliment mit der Person, die es bekommt?Es löst positive Emotionen aus. Diese erweitern nachweislich unsere Denk- und Handlungsspielräume – man findet also leichter Zugang zu eigenen Ressourcen und Lösungen, gerade in herausfordernden Situationen.
Profitiere ich auch selbst davon, wenn ich anderen Komplimente mache?Ja. In einer Studie von Lyubomirsky und Kolleg:innen zeigten Menschen, die kleine freundliche Handlungen für andere taten, über sechs Wochen hinweg deutlich stärkere Verbesserungen ihres psychischen Wohlbefindens als jene, die nur etwas für sich selbst taten (Nelson et al., 2016).
Wie formuliere ich ein Kompliment, das wirklich ankommt?Konkret statt allgemein. Statt "Du bist toll" lieber benennen, was genau du schätzt – eine Idee, eine Reaktion, eine Eigenschaft in einer bestimmten Situation. Das macht ein Kompliment glaubwürdig und persönlich.
Wie lange hält die Wirkung eines Komplimente an?Länger, als man meist erwartet – für beide Seiten. Viele Menschen erinnern sich noch Jahre später an ein besonders schönes Kompliment.
Weiterlesen




Kommentare